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Peter Simonischek Der Darsteller des "Jedermann" im Gespräch mit den Jungen Freunden. Wenn man zu gut sein will, geht das Talent in die Ecke und weint. Gespräch mit Peter Simonischek (Jedermann)
Jedermann - für viele Schauspieler eine Traumrolle! Ein Ziel, das nur wenige "Besondere" erreichen. Wie sehen Sie sich selbst in der Reihe der Jedermann Darsteller? Ich freue mich, dass ich in dieser Neuinszenierung spielen kann. In meiner Natur liegt es nicht, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Ich fühle mich als der, der diese wunderbare Rolle gerne angenommen hat, mit großem Vergnügen probiert hat und mit großer Lust spielt. Für mich spielt sich das Schauspielerleben auf der Bühne ab und erst in zweiter Linie in der Gesellschaft. Wenn der Eindruck nach außen anders ist, so wird dieses Bild von den Medien gemacht. Ich habe zu dieser Starszene nie gehört, ich bin kein Fernsehstar, kein Filmstar. Da ich 20 Jahre lang an der Berliner Schaubühne spielte, habe ich einen anderen Ansatz und war einer kleinen Gemeinde, nämlich der der Theaterbesucher gut bekannt. Mich interessiert nicht, wer wie oft in der Zeitung steht sondern wie wir auf der Bühne zusammen spielen. (Tatsache ist: Die G'stopften kommen immer nach Salzburg in die Oper und schauen den Jedermann an.)
Für einen Schauspieler ist es nicht alltäglich, vor so einem großen Auditorium und das noch dazu im Freien zu spielen. Gibt es beim Jedermann Szenen, wo Sie sich anstrengen müssen, um die Aufmerksamkeit des Publikums nicht zu verlieren? Durchaus. Das Stück hat seine Längen. Die Stellen sind ganz klar! Bis der Tod kommt, ist es spannend, weil die Zuschauer alle auf den Tod warten. Es gibt Ahnungen, Hinweise, Irritationen. Dann ist er da, was macht er mit ihm? Jedermann erkämpft sich einen Aufschub, jetzt wird es schwierig, die Sache wird absehbar. Man weiß natürlich - wenn man gewohnt ist ein bisschen Theater zu schauen - was auf einen zukommt. Es ist ein Mysterienspiel, das simpel gestrickt ist. Jedermann wird sich an jeden wenden und alle werden gehen und letztendlich ist er alleine. Das ist auf alle Fälle eine Sequenz, bei der keine übergeordnete Dramatik zur Verfügung steht. Da fragt sich der Zuschauer nicht mehr, was passiert, sondern wie es passiert. Eine andere solche Stelle ist der Auftritt der Guten Werke, der relativ undramatisch ist. Es liegt in der Natur der Auseinandersetzung zwischen den Guten Werken und dem Jedermann, dass dieser Teil eher kammerspielmäßig gestaltet werden muss. Der Dialog geht über die Augen. Er sagt ja: "Je mehr ich dich ansehe, um so mehr tut mir das im Herren weh." Es ist eine Art groteske Liebesszene. Er lehnt diese Frau völlig ab, weil er gar nicht weiß, wer sie ist. Durch ihre Blicke wird er aber in ihren Bann gezogen. Und das ist im Großen Festspielhaus (wenn es regnet) viel leichter zu spielen. Es ist eine Sache, die sich bei Jedermann innerlich abspielt. Auf dem Domplatz muss man der Kollegin, auch wenn man ihr ganz nahe ist, richtig ins Ohr brüllen. Und das ist sehr weit weg von jeder Realität. Es ist ein ganz intimes Gespräch, in dem Jedermann langsam die Erkenntnis dämmert. Außerdem sitzen zu diesem Zeitpunkt die Zuschauer schon 1 3/4 Stunden lang, der Hintern tut ihnen weh, heiß ist es und da wird dann noch etwas verhandelt, was vom Text her kompliziert ist. Die anderen Textpassagen sind ziemlich klar und deftig, sinnlich und emotional. Plötzlich wird es spitzfindig. Deshalb hat Max Reinhardt - er war ein unheimlich cleverer Theatermann - an dieser Stelle das "Vater unser" hineingesetzt. Und da werden auch alle Leute wieder wach, jeder kennt nämlich das Gebet. Es ist eine heikle Angelegenheit. Es gibt nichts Schlimmeres als Ergriffenheit und Betroffenheit zu spielen. Ein innig gesprochenes Vater unser ist eine innerliche Angelegenheit, kniet sich hin und betet leise zu sich selbst und will dabei alleine sein. Und jetzt steht man auf der Bühne und spielt vor mehr als 2000 Leuten - selbstverständlich in dem Bewusstsein, dass diese 2000 zuschauen - ein inniges persönliches aufrichtiges Gebet. Und erlebt es in der ganzen Inbrunst zum ersten Mal. Der Jedermann hat das sein Leben lang noch nie gebetet, es hat ihn nicht interessiert, er hat die Mutter immer abblitzen lassen. Das kann gelingen, es kann aber auch unaushaltbar . Dann ist es so verlogen, dass es einem die Zehennägel aufrollt. Dann ist das ganze Stück ad absurdum geführt. Und Leute, die glauben, fühlen sich gefrotzelt. Ich habe immer, wenn ich das Vater unser gehört habe - außer von Helmut Lohner - ein ungutes Gefühl im Bauch gehabt. Ja, wir haben ein anderes Gebet gewählt, ein Gedicht von Dürer. Vielleicht mache ich das Vater unser einmal.
Sie haben vier Jahre lang den Tod gespielt. War es für Sie aus diesem Grund schwierig, sich auf diese neue Inszenierung einzustellen? Ja, ich spielte in einer Inszenierung, die durchaus einleuchtend war und von der ich mich schwer lösen konnte. Max Reinhardt war nicht irgendwer sondern ein Theatergenie. Er wusste, was wirkungsvoll war. Der ausgewählte Domplatz, das Glockengeläute, die Jedermann Rufe - das sind tolle Ideen. Einerseits wollten wir was Neues aus dem Text entwickeln, andrerseits sollte auch nicht alles vermieden werden, was schon da war. Ein Beispiel sei genannt. Die Jedermann-Rufe tragen das Stück durch die Stadt, man hört es überall, man weiß: "Jetzt spielt der Jedermann." Diese Rufe müssen meiner Meinung nach sein. Wenn ich gesagt hätte, ich will sie nicht, wäre unser Regisseur Christian Stückl der erste gewesen, der gesagt hätte: "Ja, lassen wir sie weg."
Gute Werke und Glaube - Klosterschwester und gebrechliche Frau. Auch in dieser Inszenierung wird dieses trotzdem Klischee bedient. Endlos ist über den Schluss gesprochen worden. Er war immer schon problematisch. Viele Leute, die sich als Intellektuelle begreifen, sagen, dass das ganze Stück ein Humbug ist. Korten meinte: "Das Stück ist nur dazu da, um begreiflich zu machen, dass eher ein Reicher ins Himmelreich eingeht als ein Kamel durch ein Nadelöhr - in der Umkehrung des Bibelspruches." Der Reiche braucht nur zu sagen "Entschuldigung" und kommt in den Himmel. Und dabei entschuldigt er sich nicht einmal bei denen, die er geschädigt hat. Das Ende umschreiben? Vielleicht eine Annäherung wie in einem anderen Stück von Hofmannsthal "Der Thor und der Tod"?Es ist der Jedermann geblieben. Für manche eine Enttäuschung. Doch die Leute denken nur bis zur Enttäuschung und nicht darüber hinaus. Was soll es denn sonst sein am Domplatz in Salzburg? Viele Schriftsteller wurden gefragt, ob sie einen neuen Jedermann Text verfassen wollen. Peter Handke sah sich eine Aufführung an und sagte. "Was habt ihr denn. Das ist doch ein tolles Stück. So etwas bringe ich doch gar nicht zusammen." Es ist das alte Stück, der alte Text.
Und nun zum Abschluss bitten wir Sie um einen Satz, der Sie in Ihrem Schauspieler- Leben begleitet hat? Regisseur Otomar Kretsche sagte zu mir während einer nicht so gut laufenden Probe zu "Der Kirschgarten" in Berlin: "Wissen Sie, wenn wollen Sie zu gut sein, Talent geht in Ecke und weint." |